Freitag, 23. September 2016

Wie können Geflüchtete von den Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung profitieren?

Was ist notwendig, um Geflüchtete mit Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung zu erreichen? Dieser Frage gingen ExpertInnen und Teilnehmende im Rahmen der Statuskonferenz „Flucht und Gesundheit“ am 22. Juni 2016 in der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf nach.

Nach der Begrüßung durch Dr. Ute Teichert, Leiterin der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen, und Helga Kühn-Mengel MdB, Präsidentin der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. (BVPG), gab Prof. Ansgar Gerhardus, Universität Bremen, einen Überblick über Public Health-Strukturen in Deutschland im Kontext der Versorgung von Geflüchteten. Dabei zeigte er unterschiedliche Schwierigkeiten auf; diese bestehen insbesondere im Bereich der Gesundheitsförderung, in der Versorgung psychischer Erkrankungen und in einer Versorgung, die den sprachlichen, kommunikativen und kulturellen Spezifika gerecht wird. Im internationalen Vergleich wird die Gesundheitsversorgung von Geflüchteten in Deutschland daher als deutlich verbesserungswürdig angesehen, so der Experte.

Was ist notwendig, um Geflüchtete mit Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung zu erreichen?
Wie die Referentinnen und Referenten im Rahmen der Statuskonferenz aufzeigten, gibt es in Deutschland bereits eine ganze Reihe von Initiativen und Projekten, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen, um die Gesundheit von Geflüchteten zu verbessern.
  • So stellte Ulrike Prell, Hochschule Niederrhein, das Projekt ReKulDH (Resilienzförderndes und kultursensibles Denken und Handeln in der Arbeit mit geflüchteten Menschen und Asylbewerbern) vor. Dieses zielt darauf ab, ehrenamtliche HelferInnen und Fachkräfte in ihrer Arbeit zu unterstützen, indem diese lernen, eigene Verhaltensmuster im Kontext kultureller Prägungen zu reflektieren sowie unterschiedliche Bedürfnisse wahrzunehmen und zu berücksichtigen.
  • Die Bedeutung einer adäquaten Sprachmittlung im deutschen Gesundheitswesen stellte Marcus Wächter-Raquet, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V., heraus. Wie der Referent aufzeigte, rechtfertigen die komplexen Versorgungssituationen in der ambulanten sowie stationären Gesundheitsversorgung das Nebeneinander sehr unterschiedlicher Modelle der Sprachmittlung. Um dennoch Behandlungsfehler zu vermeiden sowie das Gesundheitspersonal zu entlasten, wäre eine einheitliche flächendeckende Regelung zur Finanzierung von Dolmetschereinsätzen sinnvoll.
  • Ute Sadowski, Gesundheit-Brandenburg e.V., stellte im Rahmen ihres Vortrags Zugangshürden zum gesundheitlichen Versorgungssystem für Geflüchtete heraus. Dazu zählen u.a. unklare Regelungen zur Kostenübernahme, Handlungsunsicherheit im Bildungssystem, fehlende Fortbildungen bei UnterstützerInnen, wenig Aufklärung der Asylsuchenden über Leistungen des Gesundheitssystems sowie eine fehlende interkulturelle Öffnung der Systeme.
  • Mit dem Ziel, die Gesundheitsressourcen von Geflüchteten zu stärken, wurde das Projekt REFUGIUM initiiert. Hier werden geflüchtete Menschen im Rahmen von Workshops ausgebildet, um Gesundheitsinformationen in didaktisch aktivierender und partizipativer Form an andere Geflüchtete vermitteln zu können. Dass insbesondere der Zugang zur Zielgruppe sowie die Partizipation dieser wesentliche Herausforderungen darstellten, zeigte Dr. Omar Aboelyazeid in seinem Vortrag auf.
  • Das Projekt "pro familia: Flüchtlinge im Blick" stellte Stéphanie Berrut, pro familia Bonn, vor. Hierbei handelt es sich um ein aufsuchendes Angebot, das vor allem Frauen und Mütter dabei unterstützt, sich im deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Die damit wiedererlangte Handlungskompetenz ermöglicht es Geflüchteten, Teilbereiche des eigenen Wohlergehens wieder in die Hand nehmen zu können, so die Referentin.
  • Veronika Schreiner, Caritas Region Schwarzwald-Alb-Donau, und Anja Klingelhöfer, Baden Württembergischer Landesverband für Prävention und Rehabilitation, stellten ein Schulungsangebot vor, das gemeinsam von Gesundheitsamt, Caritas, der Fachstelle Sucht und Frauen helfen Frauen + Auswege e.V. in Rottweil erarbeitet wurde. Dieses zielt darauf ab, geflüchteten Menschen niederschwellig wichtige Basisinformationen zu vermitteln, Orientierung im neuen Lebensumfeld zu geben und den Zugang zu den verschiedenen psychosozialen und medizinischen Einrichtungen zu erleichtern.
 
Statuskonferenz "Flucht und Gesundheit" - Lessons learnt
Die abschließende Diskussion machte deutlich, dass im Handlungsfeld "Prävention und Gesundheitsförderung bei Geflüchteten" bereits viele gute Ansätze vorhanden sind - es mangelt jedoch an Kenntnissen darüber sowie an geregelten Strukturen und Zuständigkeiten. Als sinnvoll wird vor diesem Hintergrund der Aufbau eines professionsübergreifenden Netzwerks auf Bundesebene erachtet, das einen Überblick über vorhandene Strukturen gibt, diese bündelt sowie Best Practice-Beispiele aufzeigt.
Wie die Teilnehmenden weiterhin herausstellten, sollte das Handlungsfeld "Prävention und Gesundheitsförderung" nicht als "Sahnehäubchen der Flüchtlingsarbeit" betrachtet werden. Vielmehr beinhalte es großes Potenzial, von dem die vielfach noch jungen Geflüchteten lebenslang profitieren können. Darüber hinaus können geflüchtete Menschen durch gesundheitsfördernde Maßnahmen wieder ein Stück weit Handlungskompetenz und Eigenverantwortung erlangen, indem sie etwas für die eigene Gesundheit oder die ihrer Kinder tun.
Wichtig sei es im Hinblick auf die Planung präventiver und gesundheitsfördernder Maßnahmen jedoch, keine Parallelstrukturen aufzubauen, sondern vorhandene Strukturen zu nutzen. Hier gilt es, relevante Akteure zusammenzuführen, diese für neue Bedarfe zu sensibilisieren und ggf. entsprechend zu schulen.
Berücksichtigt werden müsse in der Präventionsarbeit mit Geflüchteten insbesondere die Genderspezifik. Hier habe sich - in Abhängigkeit von der behandelten Thematik - die Einteilung in geschlechtshomogene Gruppen bewährt. Darüber hinaus haben sich insbesondere für Frauen aufsuchende Angebote als sinnvoll erwiesen, da diese häufig eher zurückgezogen leben.
Wie die Anwesenden weiterhin deutlich machten, fehlen der Mehrheit der Geflüchteten Kenntnisse über das deutsche Gesundheitssystem. Zwar seien entsprechende Informationen teilweise vorhanden, diese müssten aber in die Fläche getragen werden. Wichtig sei in diesem Zusammenhang zudem die interkulturelle Öffnung aller Institutionen des deutschen Gesundheitswesens. Diese - so die Kritik einiger Teilnehmender - bleibe aber häufig neben anderen Themen auf der Strecke. Um diesem vorzubeugen, sollte die Entwicklung interkultureller Kompetenz bereits in die Ausbildung aller Akteure integriert werden.  


In Kürze stehen Ihnen auch die Präsentationen der Referentinnen und Referenten auf Anfrage zur Verfügung. Ebenso ist die Veröffentlichung einer Veranstaltungsdokumentation vorgesehen. Diese kann dann bei der BVPG kostenfrei bestellt werden (info@bvpraevention.de) und wird ebenfalls auf der Internetseite zu finden sein.

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